Der Zirkus und die Hände

hand

Der Zirkus ist ins unsere Städtchen gekommen.

Wir, die ganze Murg Familie, das heißt – 2 Erwachsene, 2 Kinder, 4 Fahrräder und ein 5Kilo Rucksack für die Zwischenmahlzeit, haben uns zusammengepackt und sind zu dem frisch gemähten Weizenfeld gesprintet. Da, unter den abgeschnittenen goldenen Strohpfeilen, in der Smaragdgrünen Umrahmung des jungen Mais glänzte wie ein Swarowski – Glasstück ein rot-blaues Zirkuszelt. Genau wie in meiner Kindheit, das Gestreifte, mit den langen dreieckigen Stoffbahnen und dem Fähnchen auf der Spitze.

Da drin hat sich in mir  unerwartet eine Sprungfeder  entspannt, die winzigsten Zahnräder der Erinnerungen haben sich angefangen zu regen. Und die Skizzen, Gerüche und Laute wirbelten wie im Bildband durch den Kopf. Ich, das fünfjährige Mädchen, sitze unter der Zirkuskuppel zum ersten Mal im Leben. Wie süß und quälend war damals die Erwartung des Wunders, das mit dem Glanz, den Trompeten und dem Händeklatschen.

Aber am Ort war die Realität – die ehemalige Pracht, die auseinandergeflossen und vergangen ist: die zerschlagenen Zirkusgeräte, die abgeplatzte und abgeschuppte Farbe der Bänke, die Theaterlogen mit den grauen abgenutzten Strandstühlen. Die Girlanden wurden schief über den Popcornstand aufgehängt, um zu erinnern: das ist doch eine Zirkusfeier! Und nur unten am Boden hat das Stroh wohltuend geraschelt. Wir sackten in diesem goldenen Schneehaufen ab und atmeten die säuerlich-duftenden Juli Aromen ein. Die Weizenhalme hakten sich an die Füße und piekten leicht die Haut durch die Jeans und die Socken. Da musste ich gestehen, mir wäre die volle Askese viel lieber: die Zuschauersitzplätze auf dem Stroh und die Himmelsweite über dem Kopf.

Aber die ganze Überanstrengung ein großer Zirkus zu sein und deren Scheitern wirkte bedrückend und traurig.

Die Zirkustruppe funktionierte als ein Familienbetrieb und bestand aus dem Vater – der Zirkusdirektor, Dresseur und Hauptproduzent – ein dünner Mann mit großen hervorstehenden Zähnen. Und seinen 4 Kindern – die Zirkusdarsteller, Hilfsarbeiter und noch die Verkäufer von Popcorn und blinkenden Plastikmist, der sternähnlich aussah.

Kann man die Familienkonstellation durch die Show hindurch auf der Manege spüren? Ja, sicher. Innerhalb von 2 Stunden hat die Truppe alle Skelette aus ihren Schränken geworfen. Und wir, die Zuschauer, erlebten pure Entblößung – den psychologischen Thriller als unlustigen Bonus zum festen Zirkusprogramm.

Die als Clown verkleidete jüngste Tochter sprang im einfallslosen Tanz zur lauten Musik. Selbstbewusst und provokant. Als Teil der Show ist ihr Vater drei Male auf die Manege hinausgegangen, hat geschimpft, gedroht und das uralte Tonbandgerät ausgeschalten. Und dann ist es ihm zu viel geworden, mit voller Kraft hat er die Technik mehrmals gegen den Boden gedroschen und dann im wilden Jähzorn in die Mülltonne geschmissen. Hätte er vor der Vorstellung in den Pferdemist getreten, dann, so fürchte ich, würde das Tonbandgerät in unsere Richtung fliegen. Das Requisit der 90-zerbarste in Schräubchen und Knöpfchen, und das Mädchen stürzte hin im bitteren Weinen. Vor einer Sekunde pulsierten und vibrierten über die Bühne hinaus warme, lebendig Gefühle, Gedanken, Träume. Nur ein Augenblick, und alles wurde in Stummheit und Ohnmacht bis zur Asche verbrannt. Da können sie mir sagen – das ist doch ein Genre, Clownerie, Hyperbel! Es kann schon sein, aber eher erschütterndes, bis zum Fürchten wahrhaftiges Abspielen einer Situation, die die beiden kennen. Die Kinder im Publikum haben sich erschrocken, mein Sohn war knapp vorm Weinen, mir ist unwohl geworden.

Die größere Töchter – die Akrobatin im glänzenden Kostüm – schlängelte sich hoch auf dem Reifen. Das war echt zauberhaft und zärtlich, jede Bewegung im Einklang mit der Musik und dem bläulichen Licht aus den Soffitten. Während der anderen Nummer versteckte sich der Vater hinter den Kulissen, aber bei diesem Auftritt hat er sich auf einen Sitz beim Publikum hingesetzt, die Beine breit gespreizt und den Kopf hochgehoben. Ich möchte denken: da schaut Papa sein Liebling an und es strahlen seine Augen „Mein liebes Töchterchen, meine Schatzfee, die im Kuppeläther schwebt“. Aber es ist nicht so gegangen. Er schaute auf sie wie ein Besitzer auf die kostbare, gute, profitable Ware. Mit dem Stolz und der Würde des Eigentümers – „Guck mal, das ist MEINS!“ Kapital, Investition, die nur ihm gehört und kein Recht auf einen anderen Mann, eine andere Zirkustruppe oder ihr eigenes Leben hat.

Die zwanzigjährigen Söhne haben für sich selbst die Manege vorbereitet: die Matten rausgeholt, reingetragen, dann wieder rausgeholt, vom Stroh abgeputzt, und 2 Sekunden später darauf jongliert, Kunststücke präsentiert und auf den Pferden gesprungen. Nervös und unruhig, durchgeschwitzt von den hohen Temperaturen im Zelt und der ganzen Aufregung. Die Heizer der riesigen Zirkuslokomotive, die ihre Jugend, Wahl und Freiheit voll und fleischig hinunterschlingt.

«Der Zirkus in Deutschland hat keine staatliche Unterstützung. Wir zahlen für alles: für das Wasser, Strom, Werbung, Miete, Tierfutter, und auch wir, die Zirkuskünstler, möchten was essen“- erzählte uns der Herr Direktor in der Pause. Das war keine sanfte Bitte, sondern eine lautstarke Forderung ins Mikrofon mit der Pose der Kränkung vom Leben und der ganzen Welt. Alle Beteiligten waren dabei schuldig: die sich auflösende Zirkustruppe, wir, die wenigen Zuschauer, die eigenen Kinder, die die Tür mit einem Knall hinter sich zumachen würden, wenn sie nur den Mut dazu hätten. Und dieses Gefühl der Kränkung ist eine Indulgenz, ein befreiender Schirm zwischen ihm und dem Publikum geworden, wie sonst könnte er dann mit dem stark aufgepumpten Ticketpreis, der mittelmäßigen Vorstellung und die zusätzlichen Gebühren für das Ponyreiten und Minizoobesuch umgehen.

„Unser Zirkus ist mit der goldenen Medaille für die Tierpflege ausgezeichnet. Unsere Tiere sind hier gesund und glücklich!“ Dann kamen die Kamele auf die Manege, bei einem hängte der Höcker. Sie liefen im Kreis, eine Runde, zweite, dritte …. zehnte und der Höcker zappelte hin und her, auf und ab, und hinter den Kulissen hörte man einen rhythmischen Peitschenknall. Wer hat jetzt einen Wutanfall provoziert? Die Pferde oder der Sohn, der auf die Manege gehastet ist, nervös mit den Schultern gezuckt und zurückgeschaut hat.

Die ganze Show ist mir schwer gefallen, ich mochte raus. Ihre persönliche Katastrophe drängte immens heraus und überwältigte sogar den Erfolg von den stärkeren Nummern. Aber dies war ein Feierabend, ein Familienausflug und meine Kinder waren überglücklich. Ich habe dieses Puzzle gesammelt, voller Geduld ruhig auf das Ende gewartet und beobachtet: eine Familie mit ausgeprägten feurigen Emotionen, eine Familie, die am Kreuzweg des Lebens und in der Zeitlosigkeit der Vorstellung eingeklemmt wurde.

Als alle Zuschauer den provisorischen Zoo besuchten, sind wir auf der Suche nach der Toilette bei der Kulisse vorbeigegangen. Und der Zirkusvater, dieser Hitzkopf mit den Pferdezähnen, saß dort auf dem Stuhl und küsste zärtlich seine Frau. Schwabbelig und entspannt, hat er sich gegen ihren Kopf gelehnt und die Gattin streichelte selbstlos seine Haare. Sie saßen miteinander für eine Sekunde ganz allein, für eine Sekunde wie damals, in längst vergangenen Jugendjahren.

Die Frau habe ich davor flüchtig gesehen. Sie ist nicht auf der Manege aufgetreten, hat aber ihrer Tochter mit den Playlisten geholfen, die Falten des Hemdes von ihren Sohn wieder gutgemacht und die Ziegen mit dem Heu gefuttert. Sie war die einzige aus der Zirkustruppe die lächelte und sogar glücklich aussah. In diesem Moment erinnerte ich mich an die strahlend sauberen, gebügelten Kostümen der Zirkuskünstler, die hellblauen Vorhänge an den Fenstern des Wohnmobils, den Tisch und das schneeweißen Tuch darauf in der Sommerterrasse. War es nicht sie, die am Abend in der Stille der bayerischen Dämmerung den Pferden die Zöpfchen gedreht und dann am Morgen im durchdringenden Sonnenlicht ihre Mähne durchgekämmt hat? Strähne für Strähne…

Die warmen Hände der Frau, der schützende Hafen. Die gnädigen Bewahrer von allem, was sie lieben und behüten. Keine Finanztricks von dem Herrn Direktor, keine Kamele und Ochsen auf der Manege und sogar keine Miss-Grazie im Kuppelhimmel können den Zirkus retten. Nur diese Hände. Sie retten, beruhigen und segnen, lassen gehen und empfangen. Wieder und wieder berühren sie die rasierte Wange des Direktors, nicht von dem Sklavenhalter und Tyrann, sondern vom zutiefst erschöpften Menschen mit der großen Familie, Verantwortung und Traum. Für sie wird der Zirkus nie das alles auffressendes Maul. Er ist ihre wahre Liebe, ihr Leben, ihre Wahl. Und keinen anderen Weg wird für sie sein.

Nach der Vorstellung sind wir langsam nach Hause flaniert: die Kinder – in der größten Aufregung, ich – in tieferen Gedanken. Die Zirkustruppe sammelte sich inzwischen bei dem Wohnmobil, die Mutter bedeckte den Tisch. In einer Stunde sollte es wieder mit der Abendvorstellung losgehen, wieder mal Frustration und Ärger, aber jetzt kam ein dünner Dampfstreifen aus der Teekanne und im Windhauch zitterten die trockenen Wiesenblumen am Fenster.

Der Tee ließ sich ziehen.

Die Sonne ging unter und rötete die Strohhaufen.

Die Zeit der Ruhe.

Der Punkt der Stütze.

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