Windmühlen…

Das war ein Müttertreffen in unserem Dorf. Wie gewöhnlich, hat sich das Gespräch um die Kinderthemen gedreht. Das ist nicht immer spannend, aber wie könnte es anders sein? Wir alle kommen aus einer Mama-möchte -das-Beste-für-ihr-Kind –und-muss-es-anderen zeigen – Gesellschaft. Auf dem Weg, vorbei an Pampers, Nahrungsmittelallergien und Frühförderung, sind wir auf ein untypisches Thema gestoßen: Druck auf das Kind. Eine Frau, soll sie Elisabeth heißen, lenkte unser Mamaschiff offensichtlich zur Eisbergkollision, weil sie sich so geäußert hat:

„Ich hasse dieses Rennen nach den guten Noten und super Leistungen so sehr. Ich lasse mein Kind keine Aufgabe machen, bis sie sich gut erholt und viel frische Luft im Hof schnappt“.

Sie war selbstsicher und laut, überzeugend und wütend. In ihrem persönlichen Protest gegen das System hat sie das Kindesrecht auf den eigenen Weg, ohne Vergleichen und Umblicken verteidigt. Wer weiß, vielleicht gehörte der größte Teil von diesem Zorncocktail zum Selbstmitleid und eigene Schulzeiterinnerungen, als ihre Eltern sie nicht genug unterstützt hatten. Das war ein schöner Monolog und ich habe mich von ihr mit dem respektvollen Händeschütteln verabschiedet. Das Einzige was mir aufgefallen ist war die Heftigkeit und ein kategorisches Ton ihrer Rede. Eine Schleife der leichter Verdacht und Vorsicht – was soll dahinter sein? – hat sich zum Respekt und allgemeine Sympathie beigemischt.

Am nächsten Muttertreffen sprachen die Erziehrinnen der Kindergruppe auch mit. Die Elisabeth  – die Systemhasserin saß auch dabei. In meinem Wahrnehmungskatalog habe ich sie ganz hoch rangiert– unter dem Anhänger – „die, die das Kind für den sozialen Prestige und Vorteile nicht betrügt“. Plötzlich meldete sie sich zur Rede: „Meine Tochter ist bockig, sehr eigensinnig, schreit und weint hysterisch. Ich lasse sie allein im Zimmer und erlaube nicht rauszugehen bis sie sich endlich beruht“. Die ältere Erzieherin hat zufrieden und befürwortend mit dem Kopf genickt – „Richtig!“ Ach du, Liebe, bis zum Nackenschmerzen musste ich dich da oben bei der Sonne anblicken (so hoch warst du von mir aufgestellt!). So ein Absturz, so schade!

Wenn die Frau sich machtlos und erschöpft im schweren Mutteralltag fühlt und nach den gelernten Schablonen aus der Vergangenheit handelt, ist das traurig, aber doch verständlich. Aber beim Weintrinken und gemütlichen Plaudern „das“ als eine effektive Erziehungsmethode anzubieten …?! Persönlich  war es viel zu viel für mich.

Am nächsten Tag hockte ich mit den anderen Müttern in der Gruppe und hoffte immer noch, dass mein Sohn sich eingewöhnt und mich gehen lässt. Die Tochter der abgestürzten Autorität spielte ruhig und selbstabwesend mit den Würfeln. Keine Spur von Mamas herzliches „Empfehlen“. Zwei Zäpfchen und Haarspangen mit Blümchen und die Augen… voll Tränen. Beim Beobachten der anderen Mütter ist es der Kleinen klar geworden, dass sie hier ganz allein ist. Dieses Sinken in die tiefste Trauer hat einige Phasen bei ihr durchgegangen: Stillsitzen, Stillweinen, Meckern und zum Schluss Schreien. Als die Emotionen im kleinen Herzchen sich vom Stillstand bis zum Rasen beschleunigten, haben die Erziehrinnen sie ignoriert. In ihren Händen war doch eine fertige Anweisung – „Mama sagt, das ist immer so, lass sie doch schreien“. Das Mädchen hat eine halbe Stunde am Spieß geschrien. Nass und rot, eine kleine Kopie von der Elisabeth, die wahrscheinlich in ihrer Kindheit sich mehrmals beschwört hatte, eigene Kinder anders zu erziehen. Aber von der Schablonenbahn ist sie leider nicht weit weggegangen und der Gesellschaft (also, den Erzieherinnen) erklärt, wie auf ihr Kind zu reagieren. Wenn es ihm schlecht und bitter geht, wenn es allein mit der eigenen Trauer, Aggression und Zorn nicht schafft – muss man ihn IGNORIEREN und ISOLIEREN!

Auf mein Versuch die ganze Geschichte zu erzählen hat Elisabeth kurz und kalt geantwortet: „Ja, sie hat einen starken Charakter“. Mit dem formalen Lächeln und Distanz – „Lass mich in Ruhe!“

Wir kritisieren stürmisch und treten heftig mit den Füßen was uns nicht gefällt. Wir tun das heißblutig und verzweifelt. Und danach stellt sich heraus, dass wir Tannenbaumstämme in den eigenen Augen nicht sehen. Nie ohne Sünde, nie ganz ohne Gestank. Paradox, aber wahr: Es wird fest daran geglaubt, was kritisiert wird, ohne das zu wissen. Täglicher Kampf mit den Windmühlen … – mit sich selbst.

Da führe ich für mich Warnungsfähnchen – Mahnungen ein: Kritik mit dem Schwert in der Hand – ist kein ausgewogener Standpunkt, aber ein Zerrspiegel, in dem innere Einstellungen, Liebesmangel, Angst und Schmerz sich reflektieren. Ein Mensch, der für den veganen Sieg in der ganzen Welt betet, aber in Wahrheit, im Geheimen vor sich selbst, nach einem blutigen Steak lechzt.

Die Frage, die ich mir stellen möchte: vielleicht ist es auch nicht zufällig, dass ich mich so vulkanartig über das Ignorieren der Kindertränen geärgert habe. Warum möchte ich alle Beteiligten in meinem Zorn wie Kohlsalat hacken? Warum wird ein 700 – Wörter – Post mehrmals umgeschrieben? Vielleicht gar nicht zufällig?

Da hatte ich auch eine Frühmutterschaftsphase. Mein Kind hat nach dem Milchgeruch meine Brust gesucht, aber ich, als blinde Katze, habe es erzogen meines besten Glaubens einer unerfahrenen Mutter nach. Selbstbestätigend, nachahmend, kritisierend. Ob es liebend war? Das ist die Frage, auf die ich immer noch keine Antwort habe.

melnitsa2

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